Ich habe schon viele Berichte gelesen und Interviews gesehen, in denen andere Aussteiger*innen von ihrer Kindheit erzählten. Damit verglichen war meine Kindheit recht schön, obwohl ich mich kaum an etwas erinnere.
Die frühesten Erinnerungen begannen, als meine ältere Schwester gegen meine Eltern rebellierte. Sie begann zu rauchen, suchte sich Freunde ausserhalb der Organisation und lernte einen Mann kennen, mit dem sie bald zusammenkam. Diese Zeit war schrecklich, denn im Haus wurde schon am frühen Morgen herumgeschrien, Türen wurden zugeschlagen und später, als sie aus dem Haus gegangen war, wurde geweint. Ich habe vieles davon damals nicht verstanden. Doch ich wusste, dass es schlecht war, was meine Schwester tat. Ausserdem musste ich mir von meinen Eltern anhören, dass es meine Schuld sei, dass meine Schwester so stark rebellierte. Ich war das Nesthäkchen, und meine Geburt habe dazu geführt, dass ich meiner Schwester den Platz gestohlen hätte. Erst vor zwei Jahren habe ich schliesslich realisiert, dass es nicht meine Schuld war.
An den Zeitpunkt, als sie auszog, erinnere ich mich nicht. Erst später habe ich erfahren, dass sie zu ihrem Freund gezogen war. Was ich weiss, ist, dass ich sie danach nur noch einmal im Jahr gesehen habe. Und das war der Tag, an dem meine Eltern ihren Hochzeitstag hatten. Dies war wahrscheinlich der glücklichste Tag in jedem Jahr für mich, denn da gab es Geschenke. Es war wie Weihnachten, nur dass es mitten im Sommer war. Jeder hatte seinen eigenen Haufen mit schön verpackten Geschenken, die man öffnen durfte, und danach gab es ein leckeres Mittagessen. Ich konnte die Nacht vorher immer nicht schlafen, voller freudiger Erwartungen auf den nächsten Tag. Dank dieses Tages hatte ich nie wirklich das Bedürfnis, Weihnachten oder meinen Geburtstag zu feiern, was meine Eltern sicher beabsichtigt hatten. Bis heute finde ich Weihnachten und Geburtstage eher unnötig und langweilig. Allerdings würde ich vieles tun, um noch einmal zurückzureisen und so einen Tag und auch die Nacht zuvor noch einmal zu erleben.
Schon früh stellte sich heraus, dass ich eher ein spezielles Kind war. Da ich oft alleine oder im Beisein von sehr viel älteren Personen war, wurde ich etwas neunmalklug und vorlaut. Ausserdem dachte ich mir immer Geschichten in meinem Kopf aus, die ich dann alleine nachspielte. Noch heute erscheinen mir die Fantasievorstellungen von damals extrem real. Es fing damit an, dass ich mir Freundinnen vorgestellt habe, irgendwann besass ich Drachen, Pferde und Hunde. Es war damals mein einziger Fluchtpunkt, sodass ich bald meine ganze Zeit in dieser schönen erfundenen Welt verbrachte. Diese Welten machten es mir einfacher, in den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas still zu sitzen oder in der Schule mit dem Mobbing klarzukommen. Meist waren es Lästereien und Lügen, die über mich erzählt wurden, wahrscheinlich weil sie mich nicht verstanden haben. Ich feierte schliesslich keine Geburtstage, keine Weihnachten und war auch oft abwesend im Unterricht. Oft erzählte ich den anderen Kindern die Geschichten, die ich mir immer vorstellte. Als ich realisiert habe, dass das alles nur schlimmer machte, habe ich schnell wieder damit aufgehört. Das Mobbing führte dazu, dass ich sehr oft krank wurde und in der Schule fehlte, was noch mehr Raum für Mobbing liess.
Ich kann mich erinnern, dass ich mich damals nirgendwo mehr sicher gefühlt habe, weder zu Hause noch in der Schule und vor allem nicht in den Zusammenkünften. Denn dort trafen harte Erwartungen auf mich. Es gab noch zwei andere Mädchen in der Versammlung, die im gleichen Alter waren wie ich, doch mit beiden habe ich mich nicht sehr gut verstanden, da ich immer das dritte Rad am Wagen war. Beide kamen aus Familien, in denen der Vater ein Ältester war. Das höchste Amt, das es in einer Gemeinde gibt. Mein Vater hingegen war ein „Nichts“. Doch genau deswegen und wegen meiner damals auffälligen Persönlichkeit waren die Erwartungen an mich höher. Ich war von den Dreien als die „Süsse“ bekannt. Diejenige, die immer lieb war und lächelte. Und immer wieder fand ich mich in einem Konkurrenzkampf zwischen uns Dreien wieder. Wer in der Versammlung die Beste war. Wer am schnellsten ungetaufte Verkündigerin wurde. Wer am meisten in den Predigtdienst ging. Ich war es nicht. Eines der Mädchen war in allem besser als ich. Das heisst, sie wurde früher ungetaufte Verkündigerin, liess sich auch früher taufen und bekam somit bei jedem neuen Schritt sehr grosse Zustimmung und Aufmerksamkeit von der ganzen Versammlung. Das wollte ich auch, also eiferte ich ihr ständig nach, sodass auch ich die Liebe der Versammlung kurz spüren konnte und somit auch der Druck auf mir nachliess. Was allerdings nur Einbildung war.
Fortsetzung folgt... :)