Die Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas

Veröffentlicht am 12. August 2026 um 22:14

Frauen sind seit Jahrtausenden das Geschlecht, das unterdrückt wird. Sei es durch Kinderheirat, sexuelle Übergriffe, Femizide, fehlende Wahlrechte, häusliche Gewalt, eingeschränkte Rechte auf Erbe oder Grundbesitz, den Gender Pay Gap, Sexualisierung oder die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Diese Unterdrückung der Frau wurde meiner Meinung nach durch die Bibel nicht gerade entkräftigt, sondern eher verstärkt.

Andere Religionen

Einige Religionen geben an, mit der Zeit zu gehen. Traditionelle Rollenbilder werden aufgebrochen. Frauen dürfen uneingeschränkt jedes Amt übernehmen, vor Männern auf einer Bühne lehren, öffentlich beten und sind als Mitglieder der Gemeinde gleichberechtigt. Doch wie ist es bei den Zeugen Jehovas?

Zeugen Jehovas

Während meiner gesamten Zeit bei den Zeugen Jehovas konnte ich kein solches Umdenken erkennen. Die Rollenverteilung ist dort klar definiert. Die Frau ist die „Gehilfin“ des Mannes. Sie soll sich um den Haushalt und die Kinder kümmern, während ihr Mann arbeiten geht. Diese Beobachtung wird dadurch unterstrichen, dass ich nie eine Zeugen-Jehovas-Familie kennengelernt habe, in der diese Rollenverteilung nicht gelebt wurde.

Ausserdem dürfen Frauen bei den Zeugen Jehovas weder vor der Gemeinde lehren noch die Bibel vorlesen oder öffentliche Ansprachen halten. Diese Aufgaben sind Männern vorbehalten. Ausserdem muss eine Frau ein Kopftuch tragen, wenn sie mit einer interessierten Person die Bibel studiert und dabei ihr Mann oder ein anderer Glaubensbruder anwesend ist. Dasselbe gilt beim Gebet. Dieses Symbol soll zeigen, dass sie Jehovas Leitungsprinzip sowie die Autorität ihres Mannes respektiert.

Zeugen Jehovas richten sich, nach eigener Angaben, komplett nach ihrer Bibelübersetzung. Dieses ganze Konstrukt basiert auf einen Text im Bibelbuch Korinther, in dem steht, dass der Mann das Haupt der Frau sei. Genau über diesen Bibeltext gibt es einen Wachturm-Artikel vom Februar 2021, der die Rolle der Frau deutlich macht.

Jeder Diener Gottes bei den Zeugen Jehovas hat ein Haupt, und das ist Jesus Christus. Es sei denn, man ist eine verheiratete Frau. Denn dann wird ihr Ehemann zu ihrem Haupt. Eine Schwester, die gerne heiraten möchte, wird dazu angeregt, darüber nachzudenken, ob ein Bruder „ein gutes Haupt für sie darstellt“ und ob er „stark genug im Glauben ist, um sie und die Familie geistig zu stärken“. Sie selbst soll sich überlegen, welche „Eigenschaften sie mit in die Ehe bringt. Ist sie geduldig und grosszügig?“ So, wie ich diese Aussagen verstehe, soll der Mann führen und im Glauben stark sein, während die Frau vor allem Geduld, Demut und Grosszügigkeit in die Ehe einbringen soll.

Später in der Ehe wird dieses Bild noch deutlicher gezeichnet. Der Ehemann soll dafür sorgen, dass die Familie geistig versorgt bleibt, und sich um die materiellen und emotionalen Bedürfnisse kümmern. Was soll die Frau währenddessen tun? „Sie sollte jeden Tag in der Bibel lesen, darüber nachdenken und zu Jehova beten.“ Weiter heisst es: „Eine Frau sollte die Rolle, die ihr ihr liebevoller Vater Jehova zugedacht hat, respektieren. Denn so fördert sie Frieden und Harmonie in der Familie.“

Persönliche Einblicke

Das beste und zugleich problematischste Beispiel dafür sind meine eigenen Eltern. Meine Mutter hat eine sehr dominante Persönlichkeit. Mein Vater war dagegen eher ruhig und immer froh, wenn er keine Entscheidungen treffen musste. Meine Mutter wurde mehrmals von Ältesten der Versammlung zurechtgewiesen. Sie sollte akzeptieren, dass mein Vater ihr Haupt war. In dieser Zeit stritten sich meine Eltern häufig und heftig. Ein Satz aus dieser Zeit ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Nach einer Versöhnung mit meinem Vater sagte meine Mutter zu mir: „Ohne Jehova wären wir schon lange geschieden.“ Das machte mir damals grosse Angst. In den folgenden Jahren lernte meine Mutter, sich stärker zurückzunehmen. Das Ergebnis war, dass meine Eltern aufhörten zu streiten und mehr Harmonie in die Familie einzog. Auch dazu sagte sie mir etwas: „Seit ich respektiere, dass dein Vater mein Haupt ist, ist es viel friedlicher zwischen uns, und ich bin viel glücklicher. Männer brauchen diese Art von Respekt, und nur wenn sie ihn erhalten, kann die Familie glücklich sein.“

Dass dadurch die ganze Familie glücklicher geworden sei, stimmte aus meiner Sicht jedoch nicht. Mein Vater litt stark unter der Verantwortung, die ihm übertragen wurde. Und meine Mutter blieb im Herzen weiterhin ein Mensch, der seine Meinung sagen und wichtige Entscheidungen treffen wollte.

Ein weiteres Beispiel erlebte ich, als ich eine Schwester fragte, weshalb nur Männer Älteste werden dürfen. Ihre Antwort erschreckte mich damals sehr. Sie sagte: „Würdest du dir gerne die schlimmen Probleme anderer anhören? Ich nicht. Wir Frauen sind emotional nicht dafür gemacht, weil es uns zu sehr belasten würde. Männer können das besser.“ Die Vorstellung, Frauen seien grundsätzlich emotionaler, wurde mittlerweile mehrfach wissenschaftlich hinterfragt oder widerlegt. Doch schon damals bemerkte ich, dass diese Aussage für mich nicht stimmig war. Ich war sogar überzeugt, dass ich einer solchen Aufgabe durchaus gewachsen wäre und Menschen auf diese Weise helfen könnte.

Ich persönlich hatte schon früh grosse Probleme, mit der Vorstellung, dass ich mich irgendwann einem Mann unterordnen sollte. Wenn man eine Partnerschaft eingeht, dann auf Augenhöhe. Ich begann mich zu fragen, will ich mich wirklich einem Mann unterordnen, der genau so unvollkommen ist wie ich, nur weil es ein alter Mann namens Paulus vor mehreren hundert Jahren so bestimmt hat?