Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen und Ansichten als ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas. Die beschriebenen Eindrücke stellen meine persönliche Wahrnehmung dar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder allgemeine Gültigkeit.
Ich habe mir in den letzten Jahren viele Gedanken darüber gemacht, wer die Zeugen Jehovas für mich sind und wie sie mit mir umgegangen sind. Ausserdem habe ich mich damit beschäftigt, was eine Religion zu einer stark kontrollierenden Gemeinschaft macht, und dies mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen über die Zeugen Jehovas verglichen. Zu folgendem Schluss bin ich gekommen:
Bedingung 1 – Der Anführer: Starker charismatischer Anführer, der die absolute Macht hat.
Bei den Zeugen Jehovas stehen 11 Männer an der Spitze. Sie sagen von sich, Gesalbte zu sein und somit zu den 144'000 Menschen zu gehören, die bei ihrem Tod in den Himmel kommen, um an Jesu Seite zu regieren. Diese Männer verwalten mit Hilfe anderer Brüder die Finanzen und den Druck neuer Literatur und geben immer wieder neue Massnahmen bekannt. Aktuell nutzen die Zeugen eine Nachrichtensendung, die sie einmal im Monat ausstrahlen, um den Glauben ihrer Anhänger zu stärken oder auch Massnahmen bekannt zu geben. Eine dieser Massnahmen, die die Leitende Körperschaft auf JW Broadcasting im Juli 2026 besonders betont hat, besteht darin, dass Mitglieder ihren Anweisungen folgen sollten, auch wenn sie diese nicht vollständig verstehen. Sie sollen vollständig auf Jehova und Jesus vertrauen.
Bedingung 2 – Schwarz-Weiss-Denken: Eine Religion behauptet, die absolute Wahrheit zu besitzen. Sie sieht sich als die einzige Gruppe, die gerettet wird. Der Rest der Welt ist schlecht.
Die Zeugen Jehovas reden, wenn sie von ihrem eigenen Glauben sprechen, von „der Wahrheit“ und von den Menschen, die nicht dasselbe glauben, als „der Welt“ oder von „Weltmenschen“. Ausserdem lehren sie, dass sie als einzige wahre Religion Armageddon überleben und in Zukunft auf einer paradiesischen Erde leben werden. In der es keinen Kummer, keinen Schmerz und keinen Tod mehr geben wird. Was früher war, wird vergangen sein. Bis dahin haben sie Zeit, Leute zu retten und ihnen die gute Botschaft einer rosigen Zukunft zu vermitteln. Darum gehen sie auch beharrlich in den Haus-zu-Haus-Dienst.
Bedingung 3 – Isolation: Mitglieder sollen den Kontakt zur Aussenwelt auf das Nötigste reduzieren und den Kontakt zu Nichtgläubigen abbrechen.
Die Organisation ist bekannt dafür, dass sie Mitglieder, die gesündigt haben und dies nicht bereuen, ausschliesst. Das ist bis heute so, obwohl sie in neuerer Zeit die Regeln etwas gelockert haben. Sie dürfen Ausgeschlossene nun grüssen. Ich habe selbst erlebt, wie meine Eltern und meine ältere Schwester den Kontakt zu mir abbrachen und mich seitdem meiden. Diese Massnahme soll dazu dienen, die anderen gläubigen Mitglieder zu schützen und die Ausgeschlossenen zu motivieren, ihre Sünden zu bereuen und zurückzukehren. Zudem werden besonders Kinder nach meiner Erfahrung von der „Welt“ isoliert, was dazu führte, dass ich keine Freunde hatte. Auch deshalb, weil ich in meiner Gemeinde keine gleichaltrigen Kinder hatte, mit denen ich etwas unternehmen konnte.
Bedingung 4 – Kontrolle, Druck und Angst: Die Mitglieder werden stark kontrolliert (Kleiderwahl, Partnerwahl, Privatleben), ausserdem herrschen ständiger Druck und Angst.
Ich stand unter ständiger Kontrolle meiner Eltern und der anderen Mitglieder. Persönliche Beispiele, die ich an anderen und an mir selbst erlebt habe, sind: Schwestern dürfen sich nicht freizügig kleiden, da sie einen Bruder in seinen Gedanken zum Straucheln bringen könnten. Oder es gab ein ernstes Gespräch mit den Ältesten der Gemeinde wegen eines Bruders, der in den Zusammenkünften keinen „anständigen“ Anzug mit Krawatte trug.
Mit der Angst vor Armageddon habe ich meine ganze Kindheit verbracht. Immer darauf bedacht, keine Fehler zu machen, meine Gedanken zu kontrollieren und stets lieb und nett zu sein. Ich hatte ständig Angst, dass Armageddon kommt, bevor ich meine Sünden bereut habe, und dass ich für immer vernichtet werde. Auch hatte ich Angst vor Satan, da meine Eltern mir immer sagten, wenn ich Filme mit Geistern oder Untoten anschaue, könnte ein Dämon in meinen Körper eindringen und mich kontrollieren oder nachts an mein Bett kommen. Mit dieser Angst hatte ich nach meinem Ausstieg am längsten zu kämpfen.
Mein Fazit aus dieser kleinen Zusammenfassung ist, dass ich niemals dorthin zurückwill. Denn draussen zu sein hat mir Freiheit geschenkt.